Warum gut gemeint nicht immer besser ist.

Das Spannungsfeld Bildung und Wirtschaft ist seit jeher ein großes und weitgehend mit dogmatischen Sichtweisen besetzt. Das führte in den letzten Jahren zu dem, was ein Pädagoge  einmal einen „ständigen Schulversuch“ nannte. Digitalisierung war bisher nur ein Schlagwort, dafür wurden die Namen manche Schulstufen im selben Tempo gewechselt wie so manche Regierungskonstellation. Viel wurde über Jugendliche geredet, wenig mit ihnen. Unternehmen müssen ihre Prozesse, um weiter wettbewerbsfähig zu bleiben, ständig weiterentwickeln. Doch das Schulsystem unterrichtet im Wesentlichen immer noch nach den gleichen Lehrplänen, wie schon vor 50 Jahren.

Corona führt dazu, dass vieles schonungslos aufgedeckt und verstärkt wird. So ist in den Ballungsräumen ein immer größerer Andrang an die AHS zu verzeichnen. Selbst der oberste Lehrervertreter Paul Kimberger (FCG) verweist dazu in einem ORF Interview auf den Appell von Bildungsminister Werner Faßmann, bei der Benotung Milde zu zeigen. Denn dadurch wird der ohnehin schon länger vorhandene Druck auf VolksschullehrerInnen weiter erhöht. Fordern Eltern doch immer unverblümter eine Benotung, die einen Einstieg in eine AHS oder ein Gymnasium ermöglicht. Diese, oft nicht dem realen Lernerfolg abbildende, Situation wird nun bereits das zweite Jahr hintereinander zusätzlich verschärft. Denn auch 2021 wird der Aufstieg mit einem Nichtgenügend in die nächste Klasse möglich sein (sofern der Gegenstand im Vorjahr positiv war). Auch mit zwei oder mehr Nichtgenügend kann, nach Zustimmung der Klassenkonferenz, ein Aufstieg erfolgen. Womit wir wieder bei der ministerialen Empfehlung für milde Beurteilungen landen.

Was gut aussieht muss es nicht immer sein

Kurzfristig gedacht erscheint das für die Jugendlichen als Vorteil. Mittel- und langfristig führt das sicher dazu, dass so mancher Jugendliche in einer Schulkarriere verbleibt (bleiben muss), der das selbst gar nicht möchte. Was ein Aufsteigen mit Nichtgenügend beim Berufseinstieg bedeutet, wird erst die Zukunft zeigen. Vor allem aber fehlen die Schulabbrecher jetzt zum zweiten Mal als Bewerber für ein Lehrausbildung. Dabei geht es überhaupt nicht um Intelligenz, ich habe selbst meine Schulkarriere in der ersten Klasse einer HAK mit 3 Nichtgenügend beendet und war trotzdem beruflich sehr erfolgreich. Es geht um die tatsächlichen Stärken und Vorlieben der jungen Menschen, die oft in einer Ausbildung in einem Betrieb viel besser zur Geltung kommen. Es geht auch um dringend benötigte Fachkräfte. Spätestens im Aufschwung nach Corona werden Unternehmen händeringend nach Fachkräften mit praktischer Erfahrung suchen. Wenn die Mitarbeiter in Pension gehen hilft kein Bewerber, der eine Schule “gerade mal so” absolviert hat. In diesem Sinne verstehe ich auch nicht, dass die Industriellenvereinigung sich erfreut über die Möglichkeit äußert, dass ein weiteres freiwilliges Schuljahr angehängt werden kann. Gerade in der Industrie fehlen jetzt schon die Bewerber für die Ausbildung in den Betrieben. Eine Verlängerung der gesetzlichen Höchstdauer der Schulpflicht nützt da nicht wirklich. Und signalisiert Eltern noch mehr, dass sie ihre Kinder lieber im „sicheren Hafen“ Schule belassen sollten.

Werden wir aktiv

Es braucht dringend ein radikales Umdenken aller Beteiligten. Weg vom „senken wir das Niveau weiter ab, damit alle die Schule schaffen“ hin zu einem „bringen wir alle dorthin, wo ihre Stärken zur Geltung kommen“.  Dazu gehören auch aktive und rasche Verbesserungen bei der Berufsorientierung. Denn auch die existiert an AHS und Gymnasien seit Jahren nur auf dem Papier. Schulexterne Initiativen wie die SCHOOLGAMES mit ihren Online-Talent-Days, whatchado mit kostenlosen Videoplattformen oder talentify mit Buddy-Systemen und viele andere sind seit Jahren an Schulen aktiv. Solche konkreten Projekte zu unterstützen wäre viel wichtiger, als auf die große Systemänderung zu warten. Fangen wir gemeinsam an, neu zu denken. Machen wir gemeinsam Lust auf Ausbildung!