Nach der Europameisterschaft ist vor der Berufs-EM

Das erste ist die Wichtigkeit der öffentlichen Aufmerksamkeit. Damit meine ich nicht die Abermillionen an Sponsorengeldern, wobei auch die der Lehrlingsausbildung guttun würden. Es geht mir um die Sichtbarkeit durch Großereignisse. Denn Turniere wie die Fußball EM erzeugen weltweite Aufmerksamkeit. Das ist für eine Sportart ebenso essenziell wie für unsere Ausbildung. Der Fußball hat grundsätzlich wenig Nachwuchsprobleme. Generationen von Kindern kicken in Vereinen und eifern ihren großen Vorbildern nach. Denn genau darum geht es: für junge Menschen ist es wichtig, Vorbilder zu haben. Denn nichts motiviert mehr, um überhaupt anzufangen. Einmal im Leben im Wembley Stadium spielen, irgendwann den Pokal als Europameister stemmen. Das ist oft der Grund, Woche für Woche zum Training zu gehen. Diese Vorbilder entwickelt man aber nur, wenn es große Turniere mit hoher Breitenwirkung gibt. Auch in der Berufsausbildung haben wir eine EM und noch dazu ist Österreich hier seit vielen Jahren deutlich stärker als im Fußball. Die Helden wären also da, nur sieht man sie kaum, denn die Euro Skills sind in der breiten Öffentlichkeit so gut wie unsichtbar. Obwohl gerade die Leistungen der österreichischen Teilnehmer an Euro Skills und World Skills mehr als beachtlich sind. Und obwohl die Inszenierung dieser Großereignisse einer Fußball EM wenig nachsteht. Beispiel gefällig? Sehen Sie sich einmal die Aufzeichnung der Opening Ceremony der Word Skills in Kazan 2019 an: https://www.youtube.com/watch?v=cffzQpGJgCM Übrigens sind die Euro Skills 2021 in Graz und damit in einem der wichtigsten Länder der dualen Berufsausbildung. Ich bin schon gespannt, wie viel Aufmerksamkeit eines der wichtigsten Fachkräfteevents aller Zeiten im Heimatland der Lehrlingsausbildung finden wird.

Niederlagen öffnen den Weg zu neuen Höhenflügen

Aber auch von den siegreichen Italienern können wir vieles mitnehmen. 2018 hat sich diese stolze Fußballnation für die WM nicht einmal qualifiziert. Ein neuer Trainer wurde engagiert und dieser, heute wohl allen bekannte, Roberto Mancini tat etwas, was wohl wenige in so einer Situation tun. Er hat der Mannschaft in der ersten Ansprache eröffnet, dass er mit ihr den EM-Titel gewinnen will. Einige Spieler hielten ihn damals für verrückt. Aber andere sind der festen Überzeugung, dass er damit den so wichtigen Teamspirit zurückgebracht hat. Denn wenn man am Boden liegt, braucht man jemand, der bedingungslos an den Erfolg und an die Mannschaft glaubt. Nicht mir der rosaroten Brille, denn von allein wird gar nichts gut. Es waren viele Einzelschritte, die zum Erfolg geführt haben. Aber der Trainer gab ein klares Ziel vor und hat jene Bausteine zusammengetragen die notwendig waren, um dieses Ziel zu erreichen. Und es muss ein großes Ziel sein, um alle Anstrengungen zu fokussieren. Wir sollten uns wohl das Ziel setzen, die Berufsausbildung in Österreich wieder so attraktiv zu machen, dass sich mehr als die Hälfte einer Alterskohorte für eine duale Ausbildung entscheidet. Wir bräuchten eine zentrale Leitfigur, die alle auf dieses Ziel einschwören kann und dann brauchen wir ganz viele Mosaiksteine, um es zu erreichen. Aber machbar ist vieles, wie Italien gezeigt hat.

Auf die Mischung kommt es an

Last but not least war zu sehen, wie wichtig die Kombination von Erfahrung und Jugend sein kann. Die beiden italienischen Innenverteidiger sind gemeinsam 70 Jahre alt, für Fußballer also eigentlich längst pensionsreif. Zusammen mit einem 22jährigen Torwart und pfeilschnellen Außenverteidigern stellen sie aber jeden Angreifer vor eine riesige Aufgabe. Das zieht sich durch die ganze italienische Truppe. Erfahrung und jugendliche Leichtigkeit formen ein Team, dass situativ reagieren kann. Auch in unserer Ausbildung brauchen wir diese Mischung. Erfahrene Ausbilder müssen jungen Mitarbeitern als Leitlinie und Anker dienen. Genauso wichtig ist aber, dass die jungen Mitarbeiter – unsere Lehrlinge – sich einbringen dürfen. Sie müssen wissen, wie wichtig ihr Beitrag zum großen Ziel ist und das wir ihnen vertrauen, dass wir dieses Ziel alle gemeinsam erreichen werden. In entscheidenden Momenten müssen manchmal die Erfahrenen Verantwortung übernehme und vorangehen, wie Leonardo Bonucci beim so wichtigen Ausgleichstor. Aber den Erfolg erreichen nur alle gemeinsam und dann gehört er gebührend gefeiert. Dazu passt perfekt, dass die italienische Nationalmannschaft nach jedem Spiel in der Kabine gemeinsam Pizza ist. Es kommt eben nicht immer auf Ernährungswissenschaft an, sondern manchmal auch darauf, eine verschworene Einheit zu sein. Dafür braucht es aber Rituale, die wir auch in jedem Lehrbetrieb einführen können. Es muss ja nicht immer Pizza sein.

Die Talente haben wir längst

Wenn die Fußball EM oder auch eine WM vielen jungen Menschen zeigt, was man im Fußball erreichen kann, dann wünsche ich den Euro Skills dieselbe Aufmerksamkeit. Wenn wir es schaffen, die Heim-EM vom 23. – 29.09. in Graz sichtbar zu machen, ist ein erster Schritt getan. Wenn die nächsten Großereignisse – die Austrian Skills in Salzburg im November, die World Skills in Shanghai 2022 und die Euro Skills 2023 in Sankt Petersburg Breitenwirkung und Sichtbarkeit bekommen –  dann werden wir es schaffen: die duale Berufsausbildung zur ersten Wahl für den Berufseinstieg zu machen!